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TWINS
"Die konzeptionellen Reihungen beidhändig gemalter Bildteile".

von Judith Rebecca Wiese

Wie der Titel "Twins," auf deutsch Zwillinge, Zwillingspaar oder Gegenstück bereits suggeriert, ordnen sich die hier gezeigten Bilder einem übergeordneten Zwillingsprinzip unter: Es handelt sich jeweils um Bildpaare, die sich entweder auf einem Bildgrund vereint präsentieren, oder sich auf zwei Leinwänden oder anderen Bildträgern positionieren.

Seit 1992 sind Arbeiten entstanden, deren zu Grunde liegendes Konzept das simultane Schaffen, das gleichzeitige Tun mit der linken und der rechten Hand ist. Alle hier präsentierten Werke sind so entstanden und das erste Werk dieser Machart hängt gleich vorne neben dem Eingang und ist sozusagen das erste Experiment dieser seither andauernden Reihe von Variationen eines Themas.
Der Künstler hat die komplexe Arbeitstechnik des beidhändigen Zeichnens und Malens im Laufe der Jahre ständig trainiert und immer weiter perfektioniert und so eine höchst individuelle Handschrift entwickeln konnte. Er beschreibt sich selbst als trainierten Beidhänder.

Der Entstehungsprozess der Bildpaare von Steffen Müller-Wöhr ist dem der menschlichen oder tierischen Zwillingswesen im Mutterleib sehr ähnlich, vielleicht ihm nachempfunden: Organisch entstehen, wachsen zur gleichen Zeit im gleichen Umfeld und aus den gleichen Gen- bzw. Farbmaterialien zwei gleichartige, eng miteinander verbundene, sich aufeinander beziehende, ja voneinander abhängige und doch nicht identische, sondern eben individuelle, Einheiten.

Ebenso wie es verschiedenste Konstellationen von Mehrlingsgeburten gibt, eineiige und zweieiige Zwillinge oder auch Vierlingsgeburten, so gibt es auch in der Schaffens- und Bilderwelt von Steffen Müller-Wöhr unterschiedlichste Herangehensweisen, um das alles übergreifende Zwillingsprinzip in konzeptionelle Arbeiten umzusetzen.

Nach meiner Auffassung kann man verschiedene Grundtypen unterscheiden:
Zum Beispiel die großformatige Leinwand aus einem Stück, die simultan von beiden Händen bemalt wird, und die wir zum Beispiel hier sehen können. Wobei sich die meisten natürlich fragen werden, wie der Künstler denn eine so große Fläche mit beiden Händen gleichzeitig bemalen kann. Steffen Müller-Wöhr hat hier eine ureigene Arbeitstechnik entwickelt:
Indem er die große Leinwand auf zwei nebeneinander stehende Tische legt und so den mittleren Teil des Stoffes zwischen den beiden Tischen durchhängen lassen kann, ist er in der Lage die Bildfläche beidhändig zu bemalen ohne Verlängerungen oder dergleichen für die Malwerkzeuge zu benutzen.
Durch dieses vorher festgelegte Arbeitskonzept ergibt sich fast automatisch eine charakteristische triptychonartige Aufteilung der Bildfläche.

Im Gegensatz zu der Leinwand aus einem Stück gibt es auch Bilderpaare, die aus zwei einzelnen Leinwänden oder anderen Bildträgern bestehen. Hier werden beide Leinwände gleichzeitig von je einer Hand bearbeitet.

Ein anderer Grundtypus ist die aus zahlreichen Einzelpaaren zusammengesetzte Bildfläche. Kleinformatige selbstklebende Etiketten, Holzstücke oder Pappkärtchen werden paarweise simultan und beidhändig bearbeitet und zu größeren Ensembles collageartig zusammengefügt. Da Steffen Müller-Wöhr die Bildpaare in unterschiedlichsten Konstellationen anordnet - nebeneinander, gegenüber, in versetzten Reihen - ergeben sich immer neue und andere Zwiegespräche zwischen einzelnen Bildelementen und Bildpaaren.
Durch diese Arbeitstechnik ergibt sich, im Gegensatz zum vorher erwähnten Triptychon, im Gesamteindruck eine rasterartige Anordnung der Bildfläche, ein Puzzle, ein Memory, das den aktiven Betrachter geradezu dazu auffordert den Arbeitsprozess nachzuvollziehen, zu entschlüsseln.

Die Thematisierung und Sichtbarmachung des Schaffensprozesses nach einem bestimmten Konzept, das die Produktion selbst und das Material zum Thema machen, stehen im Mittelpunkt des Werkes von Steffen Müller-Wöhr.
Im Endprodukt bleibt immer das Konzept sichtbar und ablesbar und gleichzeitig spiegelt die Dynamik und Aufteilung der Bilder den raschen beidhändigen Entstehungsprozess wider. Alle Bilder sind Originale, Unikate. Es existieren keine Drucke oder anderen Reproduktionen.

Das physische Schaffen des Bildes wird zu einer Aktion, die Leinwand, der Bildgrund wird zur "Arena" wie der amerikanische Künstler Jackson Pollock es einmal treffend zu formulieren vermochte, und die Malerei spielt sich darin als Teil der Biografie des Malers ab.
Die Leinwand ist nicht mehr nur die Fläche, auf der das Bild gemalt wird, sondern stellt das Aktionsfeld der künstlerischen Handlung dar.

Vor diesem eigentlichen Entstehungsprozess stehen bei Steffen Müller-Wöhr alle grundlegenden Koordinaten fest:
Der recht kurzen hochkonzentrierten Aktion des Schaffens geht eine langwierige, intensive, theoretische und praktische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Elementen des Bildes voraus. Eine Idee des Bildes, ein Konzept entsteht: Die Mal- oder Zeichentechnik, die Farbmaterialien, das Format und der Aufbau der oft aneinander gereihten Einzelformen werden vorhergehend bestimmt.
Trotz des vermeintlich klaren Konzeptes, das dem Künstler zufolge kaum Zufälle zulässt, handelt es sich nach den Worten Steffen Müller-Wöhrs bei jedem Entstehen eines Bildes um ein Experiment, um "ein Experiment wie sich Bilder, die aus dem selben Grund, aus dem gleichen Anliegen heraus entstehen, zueinander verhalten".

Faszinierend ist die schier unerschöpfliche Experimentierfreude mit der Steffen Müller-Wöhr sein allübergreifendes Zwillings-Konzept auszufüllen vermag. Er schöpft aus einem gewaltigen Fundus von Techniken und Farben und lässt sich niemals festlegen, weder in der Auswahl seiner Farbmaterialien oder Mal-, Zeichen-, Kratz- und Spachtelwerkzeuge, noch in der Präsentation, der Hängung und Rahmung seiner Werke. Die Farbigkeit der Bilder reicht von fast monochromen intensiv leuchtenden, über polychrome zu kontrastreichen Schwarz-Weiß-Anordnungen.

Trotz dieser außerordentlichen Vielfalt bleibt der von ihm gewählte Weg zu authentischer Formfindung, das simultane Schaffen mit beiden Händen, im Endprodukt immer nachvollziehbar. Ein gewisser Wiedererkennungswert und das Wissen um die Machart steigern den ästhetischen Reiz, die Aura die von diesen Werken ausgeht und die in Worten nicht zu fassen ist.

Der informelle Maler Emil Schuhmacher sagte einmal:
"Keine Einführung, keine Erklärung vermag uns die Mühe abzunehmen, das Kunstwerk immer wieder nachzuvollziehen."

Judith Rebecca Wiese
München, 29. November 2001