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Interview: Hubert Scharl, freier Journalist (BJV), München mit Steffen Müller-Wöhr

TWINS Die konzeptionellen Reihungen beidhändig gemalter Bildpaare, Jhg. 2000

Was verbirgt sich hinter dem Titel "Twins" ?

Das englische Wort Twins bedeutet "Zwillinge", "Zwillingspaar" oder auch "Gegenstück". Diese Begriffe kennzeichnen meine Arbeiten sehr treffend, da es sich um Bildpaare handelt. Es sind Bildpaare, die mit der linken und der rechten Hand gleichzeitig gemalt wurden.
Zusätzlich beziehe ich das Wort TWINS auch auf die Anfangsbuchstaben der Begriffe Technik, Wiederholung, Informell, Nebenan und Sammlung: "TECHNIK" im Sinne einer Reihung von Bildsequenzen, "WIEDERHOLUNG", was ich als das Durchhalten von Material, Rhythmus oder Schrift verstehe, "INFORMELL", also dass das Ziel meines künstlerischen Tuns nicht auf einen objekthaften Inhalt gerichtet ist, "NEBENAN", was für den Bezug der Arbeiten zueinander steht und "SAMMLUNG", worunter ich die der Gesamtheit der Arbeiten innewohnende Ordnung verstehe.

Aus welchem Grund malen Sie beidhändig ?

Die Methode des beidhändigen Malens führt zu einer anderen Form der Konzentration. Es ist ein Experiment, wie sich Bilder, die aus dem selben Grund, aus dem selben Anliegen heraus gleichzeitig entstehen, zueinander verhalten.

Sind die Bildpaare nicht Bild und Spiegelbild ?

Ganz im Gegenteil. Die Bildpaare sind nicht identisch, aber sie sind aus der gleichen Intention zur gleichen Zeit entstanden. Es entstehen also aus einem einheitlichen Ansatz heraus zwei Dinge, die sich letztendlich doch in einer kausalen Abhängigkeit befinden. Wie eben auch menschliche Zwillinge. Damit versuche ich einen Ansatz über den Zusammenhang von Einheit und Komplexität herauszuarbeiten.

Gehen Sie einen neuen Weg ?

Die Ausarbeitung der Beidhändigkeit als schöpferische, künstlerische Tätigkeit ermöglicht mir einen sehr persönlichen, geradezu emotionalen Vortrag der Malerei. Sean Scully hat gesagt, "... dass die Welt nicht unbedingt mehr Bilder braucht. Sie braucht Kunst, aber nicht Bilder, um der Bilder willen."
Dieser Freiraum ist sehr wichtig für das Aufspüren meines eigenen Weges.

Trainieren sie Ihre Beidhändigkeit ?

Ich bin von Natur aus Linkshänder und trainierter Beidhänder. Die künstlerische Übung ist natürlich eine Voraussetzung. Der handwerkliche Schwierigkeitsgrad ist die Unmöglichkeit, die Bildpaare in gleicher Qualität und Expressivität einhändig zu schaffen. Aber das beeinflusst meine Arbeit nur am Rande. Die Bilder sind vor allem konzeptioneller Natur. Die Virtuosität des "Tuns aus sich selbst heraus" steht im Vordergrund. Gerade deshalb müssen Technik und Sprache akribisch vorgeplant werden. Trotzdem sind die Bilder weniger Erfindungen als viel mehr das themenbezogene Aufspüren und Sammeln von Erinnerungen, Situationen und Stimmungen, die dann mittels der Simultanmalerei neu formuliert werden.

Was unterscheidet für Sie persönlich Ihre beidhändig gemalten Werke von einhändig Geschaffenem ?

Natürlich könnte ich auch nur mit der Rechten oder nur mit der Linken malen, aber die Simultanmalerei ist so sehr zu meinem Thema geworden, da das Ergebnis für mich eine halbe Sache wäre. Alleine schon aus der Zweiheit spürt der Betrachter eine andere Form und Wertigkeit der Wahrnehmung. Für mich resultiert die Qualität der Malerei aus der Durchdringung von emotionaler, konzeptioneller und materieller Ebene.

Welche Erfahrungen haben Sie mit oder während der Arbeit an den Zwillingsbildern gemacht ?

Aus der Nahsicht werden die einzelnen Zeichen zum beherrschenden, rhythmischen und lebendigen Gestus. Aus der Entfernung ordnen sie sich einem übergreifenden Prinzip unter. Vorausgesetzt, die Arbeiten sind in chronologisch angeordneten Gruppen aufgebaut und bestimmten Zyklen, Material, Rhythmus oder Schrift wurden durchgehalten. Die Reihung hat eine Anordnung untereinander kommunizierender Elemente zur Folge. Das Aufrechterhalten einer bestimmten Konzentrationsform erzeugt die Fähigkeit der einzelnen Bildfelder, Kontakt und Bezug zum nächsten Bildfeld aufzunehmen.

Ist die Beziehung der Zwillingspaare so eng, dass man sie nicht trennen kann ?

Manche Bildpaare können sehr wohl getrennt werden: wenn sie an korrespondierenden Orten hängen oder im Besitz von Personen bleiben, die in einer Beziehung stehen oder standen, bleibt deren Charakter sicher erhalten. Ansonsten verfällt der Bezug. Nur ein eingeweihter Betrachter derart getrennter Bilder weiß um die Zusammengehörigkeit. Manche Bildpaare sind aber auch untrennbar - sie zu trennen hieße, das Bild zu zerstören.
Die meisten Zwillingspaare sind für den Betrachter der Ausdruck eines starken Wunsches nach Zusammengehörigkeit oder Verbindlichkeit, wie ein Bekenntnis. Nach der Trennung des Zwillingspaares verbleibt ein beredtes Fragment, ein ausdrückliches Relikt. Dieses Ergebnis ist beabsichtigt, denn in den Zwillingsbildern stoßen zwei gleichwertige Gegenüber aufeinander und formulieren einen neuen Zustand. Das Doppelte berechtigt gegenseitig zur Existenz. Die Bilder erläutern sich wechselseitig. Fehlt diese Erklärung, verletzt man für den Eingeweihten erkennbar das Konzept.

Und wie entstehen die einzelnen Bildteile ?

Der malerische Vorgang beinhaltet den Dialog der Bildteile im ganzen. Aus dem Spannungsverhältnis entsteht eine Art Gespräch. Die einzelnen Bildelemente, aus denen der Bildkörper gebaut ist, beanspruchen Individualität und eigenes Leben und dies in einem solchen Umfang, dass sie sich in potentieller Ausdehnung befinden. Es entsteht eine optische Ausdehnung und ein transitorischer Moment durch das gegenseitige Einschneiden und Verzahnen der Bildsegmente als Motiv des Übergangs. Aber auch die Bilder untereinander korrespondieren miteinander.

Sie produzieren auch Videoarbeien. Wie hängt sie mit den Bildern und Grafiken zusammen ?

Die VideoProjektionen erklären das Prinzip meiner Arbeit. Das Video ist das Vehikel, den malerischen Vorgang zu dokumentieren.

Wie hoffen Sie, erfährt der Betrachter Ihre Arbeiten ?

Die Abfolge: "Künstler - Bild - Betrachter" wird variiert, da Betrachter sich mit dem Faktum des nicht direkt nachvollziehbaren, des "nochmals Sehen des schon einmal Gesehenen" auseinander setzen muss. Ich hoffe, er fängt an nachzudenken.